Klappern gehört bei Mühlen zum Handwerk

Zum Mühlentag haben die Bruckmanns ihr historisches Anwesen als Kulturgut vorgeführt

LONNERSTADT - „Lefft sie denn nu?“ — Diese Frage bewegte nicht nur die Bezirksrätin Gabi Schmidt beim Rundgang durch die einstige Scharold’sche Kunstmühle in Lonnerstadt.

Nein, seit 1980 wird in dem Gebäude, dessen gelungene Sanierung vom Bezirk Mittelfranken 2011 mit einer Denkmalprämie honoriert wurde, kein Getreide mehr gemahlen.

Regina und Paul Bruckmann haben das Anwesen, dessen früheste bekannte Erwähnung auf das Jahr 1440 datiert ist, 2009 gekauft. Sofort haben sie sich daran gemacht, das Gebäude zu erhalten und die vorhandene Mühlentechnik instand zu setzen. Am deutschen Mühlentag standen Türen und Tore wieder einmal für das interessierte Publikum offen.

Um auf die Frage der Bezirksrätin, die eine kurze Ansprache zur Begrüßung hielt, zurückzukommen: Die Bruckmanns haben nicht im Sinn, die Mehlproduktion wieder aufzunehmen. Dabei hätte Paul Bruckmann vom Know-how her allemal das Zeug dazu: Als ausgebildeter Mühlenbautechniker hat er sich selbstständig gemacht und ist auf der ganzen Welt unterwegs.

Historische Mühlen sind sein Steckenpferd. Die Konstruktionen, mit denen er seine Brötchen verdient, haben mit den historischen Vorgängern zudem fast nur noch das Endprodukt gemein. Heutzutage werden beim Mühlenbau vor allem Kunststoffe und Metall verwendet. Holz ist – auch aus Gründen der Lebensmittelhygiene – tabu, weiß Regina Bruckmann.

Anstatt der Wasserkraft treibt nunmehr Elektrizität die Wellen und Rotoren an. Die Dimensionen sind geradezu explodiert. Während in Lonnerstadt je nach Jahreszeit und Wasserverfügbarkeit bis zu drei Tonnen Getreide pro Tag verarbeitet werden konnten, baut Bruckmann Anlagen, die 1000 Tonnen und mehr durchlassen.

Wie viele andere Wirtschaftszweigen unterliegt auch der Mahlbetrieb dem Trend zur Konzentration, wie Paul Bruckmann zwischen Riemen, Antriebswellen und Siebanlagen stehend erläuterte. Seine Mühlen werden industriell eingesetzt und arbeiten automatisiert. Waren es Ende des 19. Jahrhunderts noch rund 60000 Mühlen, die in deutschen Landen die Körner zu Mehl verarbeiteten, sind es heute nach Verbandsangaben gerade einmal 270.

So betrachten denn auch die Bruckmanns ihr Mühlenanwesen primär als Liebhaberei und Traditionspflege. „Es ist ein Kulturgut, das es zu erhalten gilt“, findet Regina Bruckmann. Gerne öffnen die Hausherren Vereinen, Schulklassen oder Kindergärten für eine Besichtigung. Demnächst soll die Sanierung des Wohnhauses in Angriff genommen werden. Danach will die vierköpfige Familie dort selbst einziehen.

Nicht nur so manche Äcker, auf denen früher das Getreide für die Kunstmühle angebaut wurde, dienen jetzt der Erzeugung regenerativer Energien. Auch die Bruckmanns haben umgestellt. Seit Oktober 2010 treibt das Mühlrad mit seinen 3,5 Metern Durchmesser einen Stromgenerator an. Mehr als 60000 Kilowattstunden im Jahr werden im Untergeschoss des Mühlengebäudes erzeugt und ins öffentliche Netz eingespeist. „Das reicht für rund zwölf Durchschnittshaushalte“, schätzt Paul Bruckmann.

Er ist der Überzeugung, dass mit dieser Technik noch viel mehr zu machen wäre. Seiner Ansicht nach ist es „die sauberste Energie überhaupt“. An dieser Stelle kann er sich einen Seitenhieb auf die Energiepolitik nicht verkneifen: Während andere, teilweise durchaus fragwürdige regenerative Energien mit kräftigen Förderungen aufgepäppelt würden, werde die Wasserkraft vergleichsweise stiefmütterlich behandelt.

Gut behandelt durften sich die vielen Besucher und Ausflügler fühlen, die zum Mühlentag an die Kleine Weisach gekommen waren. Mit frischem Brot aus dem Holzofen, traditionell gebackenen „Kiechla“ und vielen anderen Speisen waren sie gut versorgt und konnten zum Ausklang der Musik der „Akkustiks“ lauschen.

Und erfuhren nicht zuletzt allerhand Wissenswertes über Wasserkraft und Mühlentechnik – vor Ort und aus erster Hand. Viel bestaunt wurde auch der Porzellanwalzstuhl aus dem 19. Jahrhundert, den Bruckmann auseinandergelegt, gereinigt und wieder neu aufgebaut hat. Auf ihn ist er besonders stolz.


Karl-Heinz Panzer
Nürnberger Nachrichten

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